Vor 40 Jahren

fing alles an

 

Gastarbeiter, ausländische Arbeitnehmer, Mitbürger, neue Deutsche

Von Hans Kirchmann

 

Türken in Kreuzberg - Alltag überwiegt

Kein schneller Flug im Jumbo, ohne eine Familie, die zur Landung bereitstand, nur als Kurzjob von wenigen Jahren gedacht – vor 40 Jahren kamen die ersten Türken nach Deutschland, um das schiefe Wirtschaftswunder aufzurichten und ans Fließband da zu gehen, wo die meisten Germanen nicht wollten. "Ich war der erste Gastarbeiter, der aus der Türkei nach Berlin kam. Drei Tage brauchte ich mit dem Zug", erzählt Cemalettin Cetin, heute 66 Jahre alt und im Ruhestand. Seine Frau heißt Hannelore, woraus hervorgeht, dass die Tochter Mediha Deutschtürkin ist.

Ali ganz unten

Am Anfang stand das deutsch-türkische Anwerbeabkommen, unterzeichnet 1961. Deutschland brauchte Arbeiter von draußen, aber die sollten nur solange bleiben, bis alle Räder rollten und dann wieder gehen. Die meisten Deutschen nahmen daher die Töchter und Söhne Anatoliens nicht wahr, wenn sie mit ihnen nicht in enger Nachbarschaft lebten.

Wohl lasen sie mit Gruseln in gewissen Boulevardblättern nach, da habe schon wieder ein Türke das Messer gezogen oder ein Auto geklaut.

"Die meisten waren arme Bauern aus Anatolien, hatten noch nie in ihrem Leben eine Großstadt oder eine Fabrikhalle gesehen", sagt Cetin. Drei Tage habe er mit dem Zug hierhin gebraucht, damals. Man ging vor allem dahin, wo es Arbeit gab, wie bei den Fordwerken in Köln. Im Stadtteil Chorweiler liegt Onur Dülgers Einfamilienhaus, mit einem hübschen Garten dazu, worin auch ein paar Feigen- und Olivenbäume stehen, Erinnerung an die Heimat. Auch Dülger ist ein Immigrant der ersten Stunde und heute im Ruhestand.

Damals war er 22 und konnte kein einziges Wort Deutsch. Unterwegs war er mit 30 anderen Arbeitern, in München hielt der Zug zum ersten Mal, und es gab Kaffee, Schokolade und Zigaretten. Onur Dülger hatte sich vorgestellt, ein nur ein halbes Jahr lang zu arbeiten. Am Kölner Haupt-bahnhof wurde er abgeholt und in ein Betriebswohnheim ge-bracht.

Furcht des Mittelalters: Türken im Gemetzel

Erst wollte er die Fleppen hinwerfen und wieder zurück, dann kaufte er sich ein altes Auto und fuhr viel herum, hernach lernte er seine Frau Monika kennen und blieb. Und blieb. "Wir haben diese Wirtschaft mit gebaut", sagt er zu Recht. "Und wenn wir in die Türkei fahren, was ja auch ganz schön ist, gehen wir in Hotel. Dort sind wir Touristen."

Heute ist Dülger einer von 2.5 Millionen Türken in Deutschland (425 000 mit oder der große Rest noch ohne Staatsbürgerschaft). Allmählich spricht sich auch diese Zahl herum: 55 000 sind Unternehmer geworden, klein oder groß.

Forderungen bleiben

40 Jahre türkischer Migranten in Deutschland, das ist auch eine Geschichte mit vielen häßlichen und unmenschlichen Ecken. Gewalttaten von Rechtsextremisten stehen da obenan, aber Verweigerung und Feindlichkeit machen sich auch ohne braune Schlägertrupps in der Wohnnachbarschaft, am Arbeitsplatz oder bei Behörden bemerkbar.

Es gibt genügend Türken, deren Eltern eingewandert sind, sie aber sind schon in Deutschland auf die Welt gekommen und wissen nie genau, wohin sie gehören.

Trotz allem verläuft die Entwicklung positiv. Die Bundesregierung hat ein neues Staatsbürgerschaftsrecht auf den Weg gebracht, die Medien finden zu einer der Normalität angemessenen Berichterstattung, die Eheschließung mit Türken ist nichts Besonderes mehr. Der große und diffizile Bereich der sozialen Integration läßt noch viel zu wünschen übrig. ist aber auch als politisches Arbeitsfeld eröffnet. Türken sind nicht nur Arbeiter, sondern auch Ärzte, Professoren, Dichter und Musiker, Unternehmer, Juristen oder Polizisten.

Schließlich auch: Zu Millionen fliegen heute deutsche Touristen in die Türkei. Sie erleben herrliche Landschaften, gutes Essen, eine andere Kultur und vor allem viel Gastfreundlichkeit.

Nichts verändert das Bewußtsein mehr als praktische Erfahrung.

Junge Generation kann lachen

 

Zuwanderung und Integration

Thesen des Deutschen Städte- und Gemeindebundes

Bereits heute haben wir Wanderungsbewegungen in Deutschland von ca. 1 Millionen Personen pro Jahr. Es ist keineswegs so, dass Menschen nur nach Deutschland zuwandern – viele wandern auch wieder ab. In den letzten Jahren hatten wir einen Zuwanderungsüberschuss von ca. 200 000 Personen. Wenn man dies mit den klassischen Einwanderungsländern wie z. B. den USA vergleicht, ist festzustellen, dass wir zumindest faktisch ein Zuwan-derungsland sind.

Zuwanderung - damals aus Deutschland, und das Traumland war Amerika

In den USA werden jährlich etwa 140 000 Zuwanderer – nach Beschäftigungs-kategorien – zugelassen. Zusammen mit dem Familiennachwuchs betrug die Zahl im vergangenen Jahr ca. 226 000 Personen bei einer Bevölkerung von über 200 Millionen Menschen.

Nach der neuesten Bevölkerungs-vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes ... wird sich die Bevöl-kerung in Deutschland bis zum Jahr 2050 auf 65 bzw. auf 70,4 Millionen Menschen reduzieren. Ohne Zuwanderungsüber-schüsse der ausländischen Bevölkerung ginge die Bevölkerung sogar auf 59 Millionen zurück.

Zusätzlich wird es künftig viel mehr ältere und weniger junge Menschen geben. Zur Zeit liegt der sogenannte Altenquotient bei 40. Das heißt: 100 Menschen im Erwerbsalter stehen 40 Personen im Rentenalter gegenüber. Dabei geht man von einem Rentenalter von 60 Jahren aus. Im Jahr 2050 werden 100 Menschen im Erwerbsalter 80 Personen im Rentenalter gegenüberstehen.

Dies macht ganz deutlich, dass wir Zuwanderung brauchen. Das Boot ist nicht voll, sondern demnächst halb leer, und wir werden es nicht alleine rudern können. Dies müssen wir auf allen politischen Ebenen den Menschen klarmachen, die in ihrer Breite darauf in keiner Weise vorbereitet sind.