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Von 1960, dem Beginn der Anwerbung türkischer
„Gastarbeiter", bis heute ist die Islam-Diaspora in
Deutschland von ein paar tausend Migranten auf etwa 3,5 Millionen
angewachsen. In Europa lebten 1950 ca. 800 000 Muslime, heute
über 15 Millionen. Es bleibt eine Herausforderung, die wachsende
islamische Gemeinde zu integrieren, sie so ins gesellschaftliche
Leben einzubinden, dass sie sich nicht mehr als Fremde, sondern als
europäische Bürger fühlen und wahrgenommen werden. Ist dies möglich?
An dieser Frage scheiden sich die Geister,
und ich – selbst Muslim und Migrant – bin
jenseits des deutschen Pro und Contra der Auffassung, dass dies
unter besonderen Bedingungen möglich ist. In Paris 1992, Sydney
1997 und Berkeley 1999 habe ich in internationalen Projekten über
die sich wandelnde Identität Europas unter dem Einfluss islamischer
Zuwanderung mein Konzept vom Euro-Islam entwickelt. Mein Buch
„Islamische Zuwanderung“, dessen zentrale These im Untertitel
„Die gescheiterte Integration“ steht, enthält dieses Konzept für
eine Gesellschaftspolitik im Lichte der Anschläge vom 11.
September. Auf dem von Bundeskriminalamt und FBI durchgeführten
Kongress über internationalen Terrorismus wurden die Fakten auf den
Tisch gelegt: Die Anschläge in New York und Washington wurden in
der deutschen Islam-Diaspora vorbereitet.
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Aufgrund ihrer Vergangenheit
verbieten sich die Deutschen ein Konzept zur Integration von
Fremden, das eine Leitkultur als Wertekonsens über Demokratie
und Zivilgesellschaft verbindlich macht. Die Folge dieser
Haltung: Wertebeliebigkeit und falsch verstandene Toleranz.
Das größte US-Magazin „Newsweek“ klagt: In Deutschland
gebe es ein „Tolerieren des Untolerierbaren". Das ist
der Grund, warum die terroristischen Islamisten Deutschland
als Ruhezone ausgesucht haben. |
Professor
Bassam Tibi |
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Nach der islamischen religiösen
Doktrin darf sich ein Muslim keiner nicht-islamischen
Gemeinschaft einfügen. Dieses Verbot fördert islamische
Parallelgesellschaften, die im Rahmen der Zuwanderung
entstehen und von Islamisten als Hinterland missbraucht
werden. Gegen dieses Sicherheitsrisiko nutzt nur eine
Integrationspolitik für Migranten, die über das Erlernen der
Sprache und den Erwerb eines deutschen Passes hinausgeht,
indem sie eine verbindliche Werteorientierung bietet. Diese
muss auf Migranten eine Anziehung ausüben, was nur gelingt,
wenn sie europäische Werte enthält, die islamisch begründet
sind. Eine solch reformerische Interpretation des Islam, die
ihn mit Europa verbindet, ist der Euro-Islam. Dieser kann sich
in eine europäische Leitkultur einfügen. Eine sich an diesem
Konzept orientierende Integrationspolitik ist weit Erfolg
versprechender im Kampf gegen den Terrorismus als jedes militärische
oder polizeiliche Vorgehen. Ich habe den Eindruck, dass die
Deutschen – die jetzt ohne gesellschaftlichen
Konsens ein „Zuwanderungsgesetz" bekommen sollen – ihre
Angelegenheiten regeln, als wären sie
allein auf der Welt. Sie lernen nicht von der international
geführten Debatte über diese Problematik – dies
verleitet zu Sonderwegen.
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Mit der
Einwanderung kommen auch Konflikte
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Als Beispiel möchte ich zwei Probleme der
Migration nennen, die in der deutschen Zuwanderungsdebatte
kaum berücksichtigt werden. Erstens bedeutet Migration, dass
ein Land damit nicht nur benötigte Arbeitskräfte, sondern
auch Konfliktpotenziale aufnimmt. Mit den islamischen
Zuwanderern kommen auch Fundamentalisten. Und zu importierten
Konflikten gehört auch der eskalierende Nahostkonflikt – wie
Ausschreitungen bei der propalästinensischen Demonstration
vom 13. April 2002 in Berlin belegen. Integration der
Zuwanderer ist das zweite Problem. Zwischen diesem und dem
erstgenannten besteht ein Zusammenhang: Weil Integration
Sicherheitsrisiken verringert. Migranten, die sich mit dem
Aufnahmeland identifizieren, tragen die Konflikte ihrer
Herkunftsregion nicht in ihre neue Heimat. Die „Neue Zürcher
Zeitung“ schrieb im Leitartikel über die Einfuhr des
Antisemitismus durch Migration: „Diejenigen, die heute in
Frankreich Synagogen verwüsten und ähnliche Verbrechen
begehen, sind in der Regel wohl Beurs arabischer Herkunft, sie
sind aber in Frankreich geboren, aufgewachsen und haben die
französische Staatsbürgerschaft erworben. Viele führen
jedoch eine Randgruppen- und Ghetto-Existenz ... Sie gehören – in
ihrer eigenen Wahrnehmung und in derjenigen ihrer Umgebung – nicht
zur französischen Gesellschaft, haben nicht teil an deren
Wohlstand und teilen nicht deren Werte."
Was lernen wir daraus für
Deutschland? Wir müssen es als Sicherheitsrisiko anerkennen,
dass durch das Aufflammen des Nahostkonfliktes nicht
integrierte Zuwanderer eine „Gelegenheit zur Rache"
sehen. Dieses Problem wird im deutschen Zuwanderungsgesetz,
worin Probleme der Integration auf Sprachkurse reduziert
werden, nicht erkannt. Politiker streiten vorrangig um die
Finanzierung, anstatt um weitreichende Konzepte für die
Integration. Experten wissen, dass die aus Nordafrika
stammenden französischen Beurs besser Französisch als
Arabisch sprechen. Dies gilt auch für viele nicht integrierte
Türken der dritten Generation hierzulande. Und der Ägypter
Mohammed Atta aus Hamburg, Anführer des Anschlages in New
York am 11. September, sprach fließend Deutsch.
Herrscht
Wertebeliebigkeit, gibt es keine Leitkultur. Daraus resultiert
die Unfähigkeit der Aufnahmegesellschaft, Muslime zu
integrieren. Die Deutschen können da von anderen Ländern
lernen. Vorrangig die USA und Australien setzen Maßstäbe für
eine Einwanderungspolitik. Dabei handelt es sich vor allem um
das Recht, eine Auswahl der Migranten zu treffen und um die
Bindung der Migration an eine Prozedur.
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Friedvolle
Moschee |
Multikulturalismus und
seine Wertebeliebigkeit kommen ursprünglich aus den
USA. Doch nach dem 11. September sind dort neue Gesetze
und Verwaltungsvorschriften zur Regelung der Immigration
erlassen worden. Zwar war es auch früher schon so, dass
nicht jeder, der in die USA immigrieren wollte, auch
aufgenommen wurde, denn für die Migration bestehen
regulierende Prozeduren. Zusätzlich werden jetzt in den
USA Einwanderer sicherheitspolitisch überprüft.
Islamisten werden nicht als Flüchtling anerkannt. In
Europa findet jeder politische Flüchtling Aufnahme – hier
bestehen Sicherheitsrisiken, wie wir zur Zeit in
Frankreich beobachten. Die werden auch dadurch deutlich,
dass die Spur von Djerba unter anderem nach Deutschland
führt.
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Unter Leitkultur verstehe ich eine der
Integration von Migranten dienende Werteorientierung, die jede
Gesellschaft benötigt. Um Migranten klarzumachen, dass nicht
jeder nach seinem eigenen Belieben, unter Rückgriff auf seine
Zugehörigkeit zu einer fremden Kultur handeln kann, hoffe ich
heute, nach dem 11. September, auf Neuaufnahme der
Migrationsdebatte.
Nur wenn die europäische
Zivilisation zu ihren demokratischen, liberalen Werten als
Orientierung steht und diese verteidigt, kann sie Migranten
aus nicht-westlichen Zivilisationen eine Leitkultur der
Integration zu bieten. Ihr liegen fünf zentrale Werte
zugrunde: Trennung von Religion und Politik, Demokratie,
Menschenrechte, religiöser und kultureller Pluralismus und
Zivilgesellschaft. Diese Werte müssen für alle Menschen, die
in Europa leben, verbindlich sein.
Wenn die Europäer keine
Leitkultur haben wollen, bieten die Zuwanderer, vor allem die
islamischen, ihre eigene Leitkultur als Alternative. Das heißt,
dass europäische Werte durch islamische, also durch die
Gottesgesetze der Scharia, ersetzt werden. Das kann auf eine
Islamisierung Europas hinauslaufen. In einem Essay im
„Spiegel“ nannte ich das Verhältnis von Scharia und
Grundgesetz als eines zwischen „Feuer und Wasser". Als
Muslim trete ich zwar für die Aufnahme des Islam als dritter
Religion in Europa ein, möchte diese aber eindeutig in einen
europäischen Rahmen eingeordnet, das heißt als Euro-Islam
reformiert wissen. Dieser orientiert sich an einer europäischen
Leitkultur.
Eine Toleranz der
Wertebeliebigkeit, die alles zulässt, ist falsche Toleranz.
Gemäß diesem Verständnis könnte ich zum Beispiel in Europa
nach meinen orientalischen Vorstellungen leben. Würde mich
jemand daran hindern wollen, dann könnte ich gegen ihn den
Vorwurf des Rassismus erheben. Dies wird deutlich, wenn zum
Beispiel die Ablehnung nicht-westlicher Werte als Rassismus
inkriminiert wird, während die Zurückweisung der europäischen
Werte durch islamische Zuwanderer als Identitätsbewahrung
„tolerant" interpretiert wird.
Zu dieser falschen
Toleranz gehört die sich in Deutschland und anderswo in
Europa, im Gegensatz zu den USA, verbreitende Fehldeutung der
Terroranschläge in New York und Washington. Dabei wird die
Schuld an diesem Terrorakt, anstatt den islamischen
Terroristen, dem Westen zugeschrieben. Das Verbrechen wird auf
diese Weise als eine Folge der Globalisierung
heruntergespielt.
Um kein Missverständnis
aufkommen zu lassen, möchte ich betonen, dass ich eindeutig für
Migration eintrete. Europa braucht wegen sinkender
Geburtenrate Zuwanderung von außen. Nur setze ich mich dafür
ein, dass diese geregelt und an ein Konzept für die
Integration der Migranten gebunden sein muß.
Nur so können die Europäer
auf die Herausforderung vorbereitet sein. Die
Wertebeliebigkeit erlaubt den Migranten, ihre jeweilige Kultur
in Europa auszuleben, auch wenn diese mit der Demokratie und
der Trennung von Religion und Politik in Konflikt steht. Die
Folge ist eine Balkanisierung des Gemeinwesens. Dazu kommen
der Verlust der eigenen zivilisatorischen Identität Europas
sowie entsprechende Konfliktpotenziale.
Parallelgesellschaften und
demokratisches Gemeinwesen vertragen sich nicht.
Parallelgesellschaften gefährden den inneren Frieden. Sie
schließen jede Integration islamischer Zuwanderer aus. Das
Sicherheitsrisiko der Balkanisierung ist bereits unübersehbar.
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